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Integration ist Investition in die Zukunft
17. März 2002

Thomas Kessler ist Autor der Studie zur Integration in Basel. Zusammen mit der Ethnologin Rebekka Ehret verfasste er ein Leitbild, das die Integration von Migrantinnen und Migranten in der Stadt Basel fördert. Das Basler Modell gilt mittlerweile als Vorzeigeprojekt. Gestern abend referierte Kessler im Vaduzer Saal.

Von Ingo Kleinheisterkamp

Entstanden ist der Abend durch die Organisation der <>, des Vereins für interkulturelle Bildung und <>. Basel, ein wirtschaftlich bedeutendes Zentrum in der Schweiz und Europa, steht mit seinem Ausländeranteil nicht anders da als andere Ballungsräume wie beispielsweise Zürich oder Frankfurt. Integration ist vor allem eine Frage der Bildung und des sozialen Standards. Die Massnahmen, die der Kanton Basel-Stadt ergriffen hat, richten sich demzufolge an alle Menschen, mit oder ohne Schweizer Pass.

27 Prozent Ausländer

In Basel-Stadt leben 27 Prozent Ausländer (aus insgesamt 150 Ländern), bei den Jugendlichen sind es fast 45 Prozent. Die Zahlen zeigen, dass es ganz entscheidend ist, diese Menschen zu integrieren und damit den bekannten Problemen der Nichtintegration aus dem Weg zu gehen. Nach Basel-Satdt ziehen jährlich etwa 10'000 Menschen, aus der Stadt ziehen etwa 11'000 bis 12'000 bei einer Einwohnerzahl von zirka 190'000. Während vorwiegend jüngere Menschen in die Stadt ziehen, sind es eher ältere, die die Stadt verlassen, von denen, die wegziehen sind zirka 60 Prozent Schweizer Bürgerinnen und Bürger. Bei den jüngeren ist ein relativ hoher Ausländeranteil, während die Schweizer Bevölkerung vor allem in den höheren Altersgruppen dominiert. Da die Erwerbsquote unter der ausländischen Bevölkerung höher ist als bei den Schweizern und eine ausgeglichene Bevölkerungsstruktur für die Sozial- und Gesundheitspolitik grundsätzlich positiv ist, ist diese Entwicklung für Basel von Vorteil. Schon heute tragen die Ausländerinnen und Ausländer auf Grund der höheren Erwerbsquote und des niedrigen Durchschnittsalters alleine bei den Sozialversicherungen pro Haushalt 2'000 Franken im Jahr mehr als sie beziehen. Dabei sind zwei Drittel der Ausländer mit Niederlassungsbewilligung (davon sind viele, die in der Schweiz geboren wurden und ihren ausländischen Pass <> haben), rund ein Viertel haben die Jahresaufenthaltsbewilligung, die Asylsuchenden machen sowohl in Basel wie in der ganzen Schweiz nur wenige Promille bis Prozent aus.

Die Ausländer sind hauptsächlich in Chefetagen oder beim Hilfspersonal zu finden, die Schweizer dominieren den Mittelbau in der Verwaltungsebene. Bei Firmen wie Novartis wird in der Direktionsstufe englisch gesprochen.

Bevölkerung schrumpft und altert

Wie in fast allen Ländern Europas, so herrscht auch in Basel negativer Bevölkerungszuwachs von ungefähr einem Prozent. Um den aktuellen Bevölkerungsstand zu halten, müsste jede Frau durchschnittlich 2,1 Kinder zur Welt bringen. Schweizerinnen bringen aber nur 1,2 Kinder auf die Welt, auch mit Hilfe der ausländischen Frauen kann der Stand nicht gehalten werden, diese bringen durchschnittlich 1,8 Kinder zu Welt. Zwar mehr, aber immer noch zu wenig. Um den Bevölkerungsstand zu halten, ist Immigration also notwendig, ohne Migration schrumpft und altert die Schweizer Bevölkerung, gleichzeitig steigt die Nachfrage nach jungem und qualifiziertem Fachpersonal. Eine Schere tue sich auf. Nicht nur in Basel, sondern in ganz Europa, besonders dramatisch sei dies in Spanien und Italien.

Drei Leitlinien

Darum hat sich die Basler Regierung mit dem Thema befasst und ein Programm entwickelt, um die nach Basel kommenden Migrantinnen und Migranten zu integrieren. Prinzip des Programmes ist das der Vorbeugung. Als Beispiel ungenügende Deutschkenntnisse: Mangelnde Deutschkenntnisse bei arbeitslos gewordenen Migranten führen zum Problem. Man hat nicht dem Werktätigen Deutschkurse und Weiterbildung angeboten, damit er seine Arbeit behalten kann, sondern erst nach der Entlassung das Symptom behandelt. Analysen zeigten, dass dieser Defizitansatz sich durch den gesamten Arbeits- und Sozialbereich durchzog. Die erste Leitidee ist demnach das Fördern und Fordern.

Die zweite Leitidee beschreibt Integration als gesamtgesellschaftliches Anliegen. Integration ist immer ein gegenseitiger Prozess zwischen Zuziehenden und Einheimischen. Integration kann nicht von Stadtentwicklung abgekoppelt werden. Arbeiter- oder Ausländersiedlungen darf es in diesem Sinne nicht geben, die Förderung von Wohnungen und Parks muss in allen Wohngebieten stattfinden. Auch die Sanierung von Wohnungen muss vorangetrieben werden. Für eine bessere Durchmischung der Bevölkerung ist das Wohnangebot entscheidend.

Die dritte Leitidee schliesslich beschreibt den bewussten Umgang mit Differenz. Jede Pauschalierung und gut gemeinte Romantik wird ebenso abgelehnt wie Mythen. Verallgemeinerungen verstellen den Blick auf einzelne Menschen oder kulturelle oder ethnische Vielfalt.

Das Programm bestehe letztlich, so Kessler, aus Fördern und Fordern, Geben und Nehmen. Konkret heisst das, die Neuankömmlinge zu begrüssen, ihnen Information zukommen zu lassen, Sprachkurse, Bildung, soziale Vernetzung, Beratung, Begleitung, Meditation und Hilfe zur Selbsthilfe anzubieten. Gefordert wird von ihnen Gesetzestreue, Integrationswille, Nutzung der Angebote, soziales und kulturelles Engagement und Erfolgsorientierung. Falsch sei es, Ausländern 40 Jahre lang die Steuererklärung auszufüllen, richtig sei es, dies zwei oder drei Mal zu tun und es ihnen dabei zu erklären. Dann müssten sie es selber können und auch selber machen.

Podiumsdiskussion mit internationaler Beteiligung

In der abschliessenden Podiumsdiskussion wurden in Liechtenstein lebende Ausländerinnen und Ausländer zu ihren Erfahrungen befragt. Grundtenor ist, dass die Integration zwar relativ gut funktioniere, aber es immer noch beispielsweise Probleme bei der Wohnungssuche gebe. Auch würden ausländische Schulkinder immer noch von einheimischen gehänselt und ausgeschlossen. Laut Hans Peter Walch, Leiter des Ausländer- und Passamtes, hängt das mit der Angst der Bevölkerung vor Überfremdung zusammen. Dagegen sei es in Liechtenstein so, dass es in der Bevölkerungsstruktur noch eine klassische Pyramide gebe, das heisst, deutlich mehr junge Menschen als ältere. Marcus Büchel, Leiter des Amtes für soziale Dienste, meinte, die liechtensteinische Bevölkerung habe sehr wohl Integrationsbewusstsein, dazu gebe es eine ganze Reihe privater Institutionen, die sich intensiv mit dem Thema befassen. Fehlen tut Büchel lediglich eine Koordination, ein liechtensteinisches Leitbild. Dazu fehle der politische Wille, denn dieses müsse nicht auf Ämterbasis zwischen dem Amt für soziale Dienste und dem Ausländer- und Passamt geschehen, sondern auf Regierungsebene. Thomas Kessler analysierte die Situation Liechtensteins positiv. Liechtenstein habe alle Voraussetzungen, um an der Weltspitze zu bleiben. Eine gesunde Alterspyramide, genügend Jobs und Wohlstand, ein intaktes Umfeld, das auch bisher jüngere Menschen nicht vertreibe und eine adäquate Migrationspolitik. Allerdings müsse man auch in eine mittelfristige Zukunft sehen. Das Land müsse wissen, ob es sich im Hinblick auf den EWR völlig öffne. Dann würde es möglicherweise einmal aussehen wie Monaco oder Kuwait, das heisst völlig zugebaut mit vielen reichen Einwohnern. Dies würde aber wieder zu Problemen führen, denn dann würden die jungen Menschen sicher woanders hingehen und Liechtenstein schnell überaltern. Liechtenstein habe alle Möglichkeiten, aber es sei notwendig, dieses Potenzial zu nutzen und nicht nur brach liegen zu lassen. Integrationspolitik sei letztlich eine Aufgabe der Regierung.

Bedauerlich nur, dass von der Regierung an diesem Abend niemand dabei war, um den Ausführungen des Referenten und der Diskutanten zuzuhören.

Quelle: Liechtensteiner Vaterland
Link: http://www.vaterland.li


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